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Ich habe mich getraut und habe ein Interview mit einem der meinem Erleben nach führenden Kinderwunsch-Mediziner, Herrn Dr. Fiedler vom Kinderwunsch Centrum München (www.ivf-muenchen.de), angefragt – und er hat zugesagt!
Als es dann so weit war, war ich aufgeregt. Und das, obwohl ich mich gut vorbereitet hatte. Ich muss ein wenig warten – aber das macht mir nichts aus, schließlich gibt es mir die Möglichkeit, mich umzusehen. Und dann taucht er auf: Der Arzt, der schon so vielen Paaren zu einem Kind verholfen hat. Er kommt gerade aus einem Behandlungsraum, man merkt ihm an, dass auch heute wieder viel zu tun ist. Aber seine Ruhe und die stahlblauen Augen, die einen so aufmerksam ansehen, geben einem (also mir!) das Gefühl in guten Händen zu sein. Und so fokussiere ich mich auf meine Fragen – und erlebe ein Interview, das vielschichtig, nachdenklich, überlegt aber eben auch eine gewisse Lebensfreude hat. Aber lest selbst:

Kindersehnsucht: Das Kinderwunsch Centrum München gibt es seit 1984. Ihr gesamtes berufliches Leben widmen Sie Menschen mit einem bis dato unerfüllten Kinderwunsch. Worauf sind Sie besonders stolz?
Dr. Fiedler: Glücklich bin ich darüber, während meines ganzen beruflichen Lebens viele Paare dabei unterstützt zu haben, eine Familie mit Kind zu werden. Dieses Glück haben nicht alle Mediziner: Ich darf Neues schaffen; das macht sehr zufrieden.
Und wenn Sie fragen, was mich stolz macht, möchte ich nicht vergessen, mein handverlesenes Team zu erwähnen. Gemeinsam sind wir eine sehr gute Mannschaft.

Sie kümmern sich um die „medizinisch-technische“ Seite des Kinderwunsches – ich nehme mich der psycho-sozialen Fragen in diesem Zusammenhang an und betreue Menschen, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben – durch eine Kinderwunsch-Behandlung hindurchgehen oder sich vom Kinderwunsch verabschieden müssen. Geht das Hand in Hand?
Natürlich – es muss Hand in Hand gehen! Ein Kind zu bekommen ist deutlich mehr als „Eizelle meets Sperma“. Für alle ist es wichtig, eine stabile Psyche zu haben – auch, um die Bemühungen der Kinderwunsch-Behandlung zu positiv zu unterstützen. 

Ich begrüße es daher sehr, wenn sich meine Patientinnen, und gegebenenfalls auch die Paare, Unterstützung für die psychischen wie sozialen Herausforderungen einer Kinderwunschbehandlung bzw. während der Therapie suchen.

Für wie wichtig halten Sie die psychische Gesundheit und Fürsorge Ihrer Patientinnen und Patienten?
Die psychische Gesundheit ist – nicht nur für meine Patientinnen und Patienten – wichtig. Wir alle müssen und sollten regelmässig für unsere Seele eigenverantwortlich sorgen. Aber das muss auch zum Großteil aus einem selbst heraus kommen – von aussen lässt sich das zwar anstossen und ansprechen; aber nicht übernehmen. Forderungen an andere können helfend einbezogen werden.

Ich bin davon überzeugt, dass sich jeder Mensch für seine psychische Gesundheit verantwortlich fühlen und für sich gut sorgen muss – auch wenn das ein Lernprozess ist. Und dazu gehört, die eigene Persönlichkeit wie aber auch das, was einem im Leben widerfährt, zu akzeptieren… und sei es noch so schmerzhaft wie ein (bis dato noch) unerfüllter Kinderwunsch. Ich empfehle, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen, das einen stützt.
Oftmals ist es auch angeraten, professionelle Unterstützung hinzuziehen, die einem dabei helfen kann mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen.

Worauf sollten Menschen mit einem unerfüllten Kinderwunsch, die zu Ihnen kommen, achten?
Das kann ich nicht pauschal beantworten – dazu sind meine Patientinnen und Patienten viel zu unterschiedlich. Eine 25jährige Frau wird andere Empfehlungen benötigen als eine 45jährige und wiederum andere als ein Mann, der Vater werden möchte. Oder eine Frau, die erst operiert werden muss oder gar gerade ihre Schwangerschaft verloren hat. Eines ist aber vielleicht Allen gemein: Wir können der Natur kein Schnippchen schlagen – so gut die medizinischen Möglichkeiten heute auch sind.
Ich wünsche Allen, die zu uns in die Klinik kommen, dass sie sich selbst vertrauen, sich informieren, ihre eigenen Werte kennen und sich überlegen, wo ihre Grenzen liegen. Und ich wünsche mir, dass leutselige Aussagen der Lifestyle-Medizin nicht zum Maßstab werden. Die Gesetze der Natur sind nicht veränderbar – wir können nur in ihrem Rahmen agieren.

Wie blicken Sie auf Ihre tägliche Arbeit? Was treibt Sie an?
Ich bin nicht als Reproduktionsmediziner auf die Welt gekommen. Mein erstes Vorbild schon als Jugendlicher war Albert Schweizer, daraus ist dann mein Berufswunsch entstanden. Eine wichtige Erfahrung aus einem ganz anderen Blickwinkel war für mich meine Arbeit auf der Cap Anamur, dem Schiff zur Rettung vietnamesischer Flüchtlinge im südchinesischen Meer.

Während meiner Ausbildung und Arbeit als Frauenarzt war die Geburtshilfe für mich eine sehr schöne Zeit und ein bewegender Moment, die Freude der Eltern beim ersten Anblick ihres Kindes mitzuerleben. Daraus ergab sich dann irgendwann später auch Wunsch, denen helfen zu wollen, die keine Kinder bekommen können. Und diesen Paaren jetzt helfen zu können eine Familie zu werden, ist eine wunderbare Aufgabe und Arbeit.

Stichwort Social Freezing: Was sagen Sie dazu? Gute Idee oder pokern mit dem Potentialen?
Wir können der Biologie nicht diktieren, wie sie zu funktionieren hat. Social Freezing droht in meinen Augen risikolose Lifestyle-Medizin zu werden und wird von manchen als erfolgreiches Geschäftsmodell propagiert. Es geht hier um in höchstem Maß private bzw. intime Fragestellungen und ich halte es nicht für angemessen, dass zum Beispiel Firmen als Arbeitgeber sich in diese einmischen.
Alles hat seine Zeit – so auch das Mutter bzw. Vater werden. Es wird auch zu wenig darüber gesprochen, dass es trotz eingefrorener Eizellen keine Garantie auf ein späteres Kind gibt. Wir müssen aufpassen, dass hier nicht mit unvollständigen Informationen eine gefühlte Garantie in den Raum gestellt wird, die es nicht gibt und nicht geben kann.

Für mich ist Social Freezing nur eine mögliche Ausnahme aber keine Alternative für eine Familienplanung. Der richtige Weg wäre eine erweiterte gesellschaftliche Förderung der berufstätigen Frauen, in der Zeit wo sie Mütter werden wollen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann nicht durch die Kryo-Konservierung von Eizellen ersetzt werden.

Sie sind seit vielen Jahren Vorsitzender des Berufsverbandes reproduktionsmedizinischer Zentren  in Bayern e.V. – wohin geht die Reise? Was erwartet uns in den nächsten 10 Jahren?
Es wird keine Revolution geben – eher eine Fortführung der Evolution. Sehen Sie, die heutige Erfolgsquote der Reproduktionsmedizin nähert sich schon fast der natürlichen Schwangerschaftsrate an. Nach der IVF war die ICSI wirklicher Meilenstein. Ich sehe für die Zukunft sicherlich noch Entwicklungen im Bereich der genetischen Diagnostik und die eine oder andere Verbesserung in technischen Fragestellungen der Reproduktionsmedizin.

Wünschen würde ich mir, dass wir die Frauen besser aufklären, wann – biologisch gesehen – ein guter Zeitpunkt für ein Kind ist. Die Lebenserwartung der Menschen ist in den letzten 15 Jahren um 5 Jahre gestiegen – aber die Zeit ihrer Fruchtbarkeit bleibt unveränderbar.
Ich stelle immer wieder fest, dass in den Schulen das Thema Verhütung seinen ganz wichtigen Platz hat; meist nicht behandelt wird aber die Zeit, wann man am besten Mutter oder Vater wird. Es wäre schön, wenn wir hier die Aufklärung erweitern könnten.

Was würden Sie gerne von mir gefragt werden?
Ich würde gerne noch über das Internet reden. Ich begrüße es sehr, dass die Patientinnen und Patienten, die uns aufsuchen, heute viel informierter sind als das noch vor wenigen Jahren der Fall war. Ein aufgeklärter, informierter Patient hilft uns allen, die Kinderwunsch-Behandlung erfolgreich durchzuführen.

Was mir aber dennoch Sorge bereitet, ist der Wildwuchs an falschen Informationen und Tipps, die teilweise dort zu finden sind. Wir legen viel Wert auf das Individuum und im Internet werden pauschale Antworten suggeriert. Wir können nicht einfach pauschal sagen, dass das, was für den Einen richtig auch für Andere richtig ist.

Viele hoffen auf dieses neue Jahr, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Was wünschen Sie sich für die Menschen mit einem unerfüllten Kinderwunsch?
Ich wünsche mir viele glückliche Paare, die das sehnlich gewünschte Kind bekommen. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft untereinander zusammenhält. Und ich wünsche mir angesichts der Flüchtlingsströme und insbesondere für die Flüchtlingskinder, dass sie in unserem Wohlstandsland gut aufgenommen werden und sie endlich ankommen dürfen.

Vielen Dank, Herr Dr. Fiedler – weiterhin alles Gute! Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten.

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Ich werde auch künftig Menschen, die auf die eine oder andere Weise mit dem Kinderwunsch zu tun haben, Fragen stellen und Interviews führen. Ja, ich bin auf den Geschmack gekommen. Ich finde es bereichernd. Wenn Ihr also jemanden kennt, mit dem ich unbedingt ein Interview führen sollte, schickt mir eine Mail oder ruft mich an: http://www.kindersehnsucht.de/Kontakt/. Dankeschön!

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Kindersehnsucht – Kinderwunsch – München

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